Alternde Meister

In einer Koproduktion vom Berliner Ensemble und der Gemäldegalerie Berlin, Ersan Mondtag und Nadim Samman inszenieren eine Berliner Vanitas in der Gemäldegalerie. Zwischen Theater und Museum entsteht ein lebendiges Tableau, das sich durch die gesamte Sammlung entfaltet – in Szenen zwischen Erschöpfung und Neuerfindung, Verschwinden und Fortbestehen. 

Alternde Meister bringt fünfundzwanzig Performer:innen in einen Dialog mit der Sammlung der Gemäldegalerie. Dabei treffen bildnerische Vorstellungen auf die Vergänglichkeit zeitgenössischer Körper und kultureller Lebensläufe. Eine über mehrere Generationen und Disziplinen reichende Besetzung – Schauspieler:innen, Künstler:innen, Sänger:innen, Tänzer:innen und Persönlichkeiten aus dem Nachtleben – erscheint als lebendige Bilder zwischen den Gemälden. Die Gemäldegalerie ist ein Archiv europäischer Darstellungen von Sterblichkeit und Verwandlung – und zugleich eine Institution, die diese Bilder vor dem Altern bewahrt. Alternde Meister erzeugt einen Kurzschluss zwischen der mythischen Zeit ihrer religiösen und allegorischen Werke, in denen einzelne Momente dauerhaft festgehalten werden, und der gelebten Zeit von Körpern und künstlerischen Karrieren.

Die Sichtbarkeit der Letzteren ist niemals konstant, sondern erscheint in Wellen – getragen von einem bestimmten kulturellen Moment, bevor sie wieder verblasst, wenn sich die Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwendet und Künstler:innen erneut beginnen müssen. Das Stück ist zugleich ein kollektives Porträt Berlins: einer Stadt, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Identität auf Jugend und Freiheit aufgebaut hat, sich nun aber mit den Falten dieser Erzählung auseinandersetzt. Die Performance läuft während der Öffnungszeiten in einer dreißigminütigen Schleife. Zu Beginn jedes Zyklus nehmen die Performer:innen feste Positionen ein, die über die Galerieräume verteilt sind. Sie befinden sich in Zuständen der Ruhe – schlafend, erschöpft, scheinbar tot – und sind zwischen den Gemälden arrangiert, als hätten sie schon immer zur Sammlung gehört. In den folgenden Minuten erwacht jede Figur, kleidet sich an und führt eine individuelle Handlung aus, bevor alle an einem gemeinsamen Ort zu einer kollektiven Zeremonie zusammenkommen.
Anschließend löst sich die Gruppe wieder auf und eine neue Schleife beginnt. Besucher:innen können jederzeit in die Arbeit eintreten, einer einzelnen Figur folgen, zwischen den Räumen wechseln oder während ihres Besuchs mehrfach zum zentralen Ritual zurückkehren. Das Drama übernimmt seine Bewegung von Lucas Cranachs Meditation über Alter und Eitelkeit, Der Jungbrunnen (1546). Cranach zeigt eine Szene übernatürlicher Verjüngung: alte Frauen werden durch das Bad in einem steinernen Becken wieder jung, getrocknet und anschließend in kostbare Gewänder gekleidet, bevor sie in einen Garten voller Musik, Tanz und Festmahl empfangen werden. Das Werk ist eine Satire auf höfische Eitelkeit. 

Die Magie des Brunnens stellt keine Tugend wieder her, sondern vielmehr Äußerlichkeit und Begehren. Die Aufführungsstruktur von Alternde Meister übernimmt Cranachs Abfolge von Verwandlung, Bekleidung und festlicher Versammlung – überschreibt jedoch das abschließende Wunder. Die Performer:innen kleiden sich an, bereiten sich vor und versammeln sich zu einer Trauerfeier. In jedem Zyklus steht eine:r der Performer:innen im Zentrum und wird von der übrigen Gruppe betrauert, begleitet von einem Chorausschnitt aus Gustav Mahlers Kindertotenliedern (1901–04) – einem Liederzyklus nach Gedichten von Friedrich Rückert über den Verlust von Kindern. Der Text endet nicht in Verzweiflung, sondern in Ruhe. In seinem letzten Bild kehren die Kinder nach Hause zurück, schlafend, als sei nichts verloren gegangen. Das Ritual der Performance folgt dieser Bewegung, um sie anschließend umzuwenden: Die Trauer bricht in gemeinsames Lachen über, dieses Lachen erstarrt zu einem Tableau, und für einen Augenblick halten Verlust und Lebenskraft dieselbe Pose. Dann löst sich das Bild auf und die verstorbene Figur erhebt sich erneut, um einen neuen Zyklus zu beginnen. 

Die Performer:innen von Alternde Meister illustrieren nicht die ausgestellten Gemälde. In Räume, die der Bewahrung gewidmet sind, bringen sie das Flüchtige ein – Atem, Erschöpfung, Stimme und Schwerkraft. Die Bestände der Gemäldegalerie werden jeden Körper im Gebäude überdauern, Besucher:innen wie Performer:innen gleichermaßen; darin liegt das Versprechen des Museums und zugleich seine Melancholie. Für die Dauer jedes Zyklus rückt die Performance das Vergängliche ins Zentrum der permanenten Sammlung und fordert dazu auf, ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken. Nichts wird erworben, restauriert oder gerettet. Alternde Meister ist vor allem eine Arbeit über das Sehen. 

Museen bewahren Bilder, die der Zeit widerstanden haben, während die Körper, die sich durch sie bewegen, dies nicht können. Die westliche Malerei hat häufig nach Dauerhaftigkeit durch den idealisierten Körper gesucht. Diese Performance richtet ihren Blick auf etwas anderes: auf Körper, in denen sich die Zeit eingeschrieben hat. Falten, Narben, Erschöpfung und Zärtlichkeit sind keine Zeichen des Verfalls, sondern Spuren von Erfahrung. Jeder Körper wird zu einem Archiv des gelebten Lebens. Indem die Arbeit Besucher:innen auffordert, diese Performer:innen mit derselben Geduld und Konzentration zu betrachten, die sie den Alten Meistern entgegenbringen, verschiebt sie leise die Fragestellung. Nicht mehr nur der alternde Körper wird untersucht, sondern auch der Blick, der ihm begegnet.

Ausgewählte Szenen:
Zu Beginn des Zyklus liegt Schauspielerin Eva-Maria Keller in der Nähe der Rotunde des Museums auf einer Bank und bewegt sich zwischen unruhigem Schlaf und der Reglosigkeit des Todes. In der gegenüberliegenden Galerie ruht eine weitere Figur in der Haltung eines liegenden Herkules – ein Körper, der einst für Stärke stand und nun innehält. Später wird er seine Aufgaben wieder aufnehmen. Diese Gegenüberstellung legt bereits in den ersten Momenten die Bedingungen der Arbeit offen: Körper in Bewegung und Ruhe zwischen Bildern, die niemals ermüden. Einzelne Szenen in den Galerien entwickeln diese Spannung in unterschiedliche Richtungen. Vor einem Gemälde von Adam und Eva legt eine Drag-Performerin ihre Persona an und wieder ab – ein Akt der Selbsterschaffung, der sich neben dem Ursprungsbild westlicher Malerei von Scham und Vertreibung vollzieht. Eine Genesis begegnet einer anderen: einem Körper, der nicht durch Natur, sondern durch Kultur, Begehren und theatralische Selbstbestimmung entsteht. Während das Gemälde die Trennung der Geschlechter im Moment der Schöpfung festschreibt, behandelt die Performance diese Trennung als erstes Kostüm – jede Nacht angelegt, jede Nacht abgelegt, nicht dauerhafter als die Jugend selbst. 

Neben Jean Bellegambes Jüngstem Gericht (1520–1525) übernimmt der langjährige Türsteher Frank Kuenster die Rolle eines Museumswächters und beobachtet das Publikum, während dieses das Gemälde betrachtet – ein dreieckiger Kreislauf aus Blicken und Betrachteten entsteht. Das Urteil bewegt sich hier als poetischer Komplex zwischen ästhetischen, sozialen und spirituellen Ebenen, ohne dass jemals ein endgültiges Urteil gefällt wird; bestehen bleiben allein die Fragen: Wer erhält Zugang? Wer wird erkannt? Wer bleibt sichtbar? In unmittelbarer Nähe nimmt der Pole-Performer Frznte das emblematische Bild der Venus aus Cranachs Jungbrunnen auf und löst dessen geschlechtliche Festlegung durch eine androgyn oszillierende Präsenz auf, die zwischen Selbstbewusstsein und Erschöpfung schwankt – kletternd, langsam rotierend und fallend. Was das Gemälde als unveränderliches Ideal ins Zentrum stellt – den begehrenswerten, ewig jungen Körper –wird hier in Bewegung versetzt und der Schwerkraft ausgesetzt, jener einzigen Kraft, die Cranachs Brunnen nicht aufheben kann. Die aus dem Theater stammenden Performer:innen, darunter Frank Büttner und Sema Poyraz, tragen Jahrzehnte von Bühnengeschichte in die Galerieräume. Frank Büttners Karriere zeichnet die wechselnden kulturellen Landschaften Ost- und West-Berlins nach und verkörpert eine Stadt, deren Teilungen nie vollständig verschwunden sind, sondern ihre Identitäten weiterhin prägen. Sema Poyraz bringt eine andere Berliner Geschichte in die Arbeit ein – geprägt von Migration und der multikulturellen Realität der Stadt. 

Gemeinsam tragen ihre Körper gelebte Geschichten in sich, die weit über einzelne Rollen hinausreichen. Neben ihnen sitzt WestBam, dessen Hymnen den Soundtrack der Love Parade prägten, über einen Laptop gebeugt und erstellt Playlists und Tracks – zurückgeführt auf jene stille, fortlaufende Arbeit, die seine öffentliche Sichtbarkeit immer verborgen hat.Zwischen den Alten Meistern und diesen lebenden Körpern tritt eine weitere Szene hervor – die Mythologie der Stadt selbst. Berlin erscheint hier als eine eigene Art Performer: eine Stadt, die unaufhörlich Jugend inszeniert und zugleich unter ihrer Oberfläche angesammelte Geschichten trägt.


Zeitraum

31. August 2026 – 14. September 2026

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